Gegen den Strom: Hanna Kirmann

Ein Dialog mit Hanna Kirmann ist schon alleine aufgrund ihres großen Œuvres eine Herausforderung. Graphiken, Gemälde, Installationen, Theater, Texte.  

Im Lehrbetrieb tätig, im Herbstsalon und der Innviertler Künstler-Gilde organisiert. Genauso präzise wie ihre Kunst ist, sind ihre Antworten. Mit klarer Stimme seziert sie beiläufig meine Fragen, demontiert meine Konstruktionen.

Ich fokussiere in einem ersten Versuch auf die Graphiken. Frauenkörper mit der Oberfläche in Strickoptik. Für mich ein klarer Fall. Eine weibliche Kulturtechnik wird in den Frauenkörper eingeschrieben. Das muss etwas mit Feminismus zu tun haben. 

„Nabel der Welt“ © Hanna Kirmann

Hanna kontert: „Das Stricken ist ja nicht das Problem – da missversteht die feministische Theorie etwas grob! Stricken ist eine ehrwürdige Kulturtechnik – die Fähigkeit, aus einem Endlosfaden mit zwei Nadeln dreidimensionale Gebilde zu erschaffen ist hochkomplex und anspruchsvoll. So kompliziert, dass Stricken anfangs Männersache war. An Prestige hat die Technik erst verloren, als es Frauensache wurde.

42: Ok. Und das gerupfte Huhn, bratfertig?

Hanna: Die Serie, zu der auch die Hühner gehören, heißt „Tasty Chicks“ – die Frauenkörper mit den gestrickten Strukturen waren zuerst da – die Hühner kamen hinzu, weil mir aufgefallen ist, dass im Englischen, aber auch im Deutschen, die Begriffe sowohl im kulinarischen als auch erotisch/sexuellen Kontext  verwendet werden – tasty, juicy, knusprig, Chick, Schenkel usw. – zudem erkenne ich eine Ähnlichkeit zwischen pornografischen Darstellungen von Frauen und küchenfertigem Geflügel – einfach wie es da liegt, kopflos, auf den reinen „Fleischwert“ beschränkt, leblos, gerupft, haarlos, mit dieser Öffnung zwischen den Schenkeln – mit dem Unterschied, dass hier nichts Lebendiges mehr herauskommt, sondern ihm alles Lebendige durch diese Öffnung entrissen wurde…

42: Du beschäftigst dich nur mit dem Frauenkörper?

„subcutan“ © Foto/Bild: Hanna Kirmann

Hanna: Ja! Eine Frage, die mir immer wieder gestellt wird. Ich zitiere an dieser Stelle einen guten Freund „Männer und Frauen beschäftigen sich gleichermaßen mit Frauenkörpern – beide tun es aus Gründen der Selbstdefinition“. Ich glaube, das trifft es ganz gut. Vielleicht interessieren mich auch einmal weibliche und männliche Körper und alle Schnittmengen daraus, aber solange ich noch mit meinem eigenen Körperbild beschäftigt bin, solange werd´ ich wahrscheinlich beim Frauenkörper bleiben. 

(42) Wir unterhalten uns zwischendurch über Instagram-Mainstream-Ästhetik, über Schönheitsideale und der Schwierigkeit diese zu erreichen. Fazit: der Fehler ist omnipräsent. Welches Bild würde auf einer Social-Media-Plattform wohl die meisten Likes erzielen. These: Frau, jung, hübsch, Gesichtsfoto. Titten + Babykatzen. Wir lachen.

Hanna Kirmann (Jahrgang 76) kommt aus derselben Kleinstadt wie ich, hat dort  noch immer ein Atelier. Sie ist Spross einer Gärtnerei-Dynastie, die Ki(e)rmanns hatten früher ein Glashaus. Sie hat wie ich in Wien gelebt und ist zurückgekehrt. Warum kehrte sie zurück? 

Hanna: „Ein Glashaus“ – das war der traurige Rest kurz vor der Pensionierung meiner Mutter und das Ende einer 75jährigen Geschichte eines Familienbetriebes. Mein Urgroßvater verkaufte seinen geerbten Weinberg in NÖ um die Gartenbauschule besuchen zu können und letztlich eine Gärtnerei auf dem Gelände einer ehemaligen Schottergrube zu eröffnen. Wir alle, die nach einem kurzen Ausflug in die „große, weite Welt“ zurückgekehrt sind – im Bewusstsein, dass es dort auch nicht besser ist und wir letzten Endes vor uns, unserer Geschichte und unseren Wurzeln nicht davonlaufen können…

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Hanna Kirmann © Foto: privat

(42) Das stimmt mich nachdenklich. Das mir so fremde gewordene Dorf meiner Kindheit ist mir plötzlich ein bisschen weniger fremd. 

(J.)