Resslers neues Buch – Reflexionen über den Kunstmarkt

Hans Otto Ressler hat es wieder getan. Der umtriebige Spezialist für Kunst des 20. Jhtds., Auktionator, Publizist, hat seine Gedanken in einer Essay-Sammlung zu Papier gebracht. Zeitlose Ideen mit nostalgischen Untertönen über Phänomene des Kunstmarkts. Um was geht es in diesem Buch „Dort endet unsere Kunst“? Warum sollte man es lesen? 

H.O. Ressler: Kunst ist wichtig. Neben der Literatur ist Kunst erschaffen und zu verstehen die einzige Fähigkeit, über die kein anderes Lebewesen auf diesem Planeten verfügt. Wir sind mit dieser Fähigkeit geboren, unsere Augen schauen „künstlerisch“. Josef Brodsky, der russisch-amerikanische Literatur-Nobelpreisträger, hat einmal behauptet, der Sinn und das Ziel der Evolution seien Schönheit. Im Grunde ist das mein Credo, auch wenn die Kunstkritik schon seit Jahrzehnten meint, bei der Kunst gehe es nicht um Schönheit. Dabei ist die einzige Änderung gegenüber dem 19. Jahrhundert, dass Schönheit nicht mehr Selbstzweck der Kunst ist, sondern Mittel. 

42:  Eine schöne Einleitung, worum geht es genau?

H. O. Ressler: Es sind eigentlich acht Essays.Ich beschreibe die Irrationalität eines Marktes, wo es möglich ist, dass ein muslimischer Potentat 400 Millionen Euro für eine zutiefst christliche Darstellung bezahlt. Oder ein zerschredderter Zettel mehr als eine Million kostet. Ich beschreibe, was passiert, wenn Kunst und Geld, Passion und Spekulation, Kreativität und Gier aufeinanderprallen. Ich schreibe aber auch über den Kunstmarkt als Ort des permanenten Austauschs über die Frage, was Kunst eigentlich ist – und was sie uns wert ist. Und ich erzähle von meinen Begegnungen mit Künstlerinnen und Künstlern, mit Sammlern und Kunstliebhabern, ich erzähle von Ausstellungen, Kunstmessen und Auktionen, von der Kunst als Freude, als Hochgefühl, als Erkenntnisgewinn, aber auch von Täuschungen und Enttäuschungen – und, ja, von Fälschungen. 

42:  Das klingt nach interessanten Geschichten. Nur wenige haben diese lange Karriere in der Kunstwelt. Wie können Sie beurteilen was den Preis – und den Wert eines Bildes ausmacht?

Das ist relativ einfach zu beantworten. Der Preis wird entscheidend davon geprägt, wie bekannt ein Künstler ist. Große Namen – große Preise. Der ganze Kunstmarkt, die Galeristinnen, die Sammler, die Kuratorinnen, die Kunstkritiker, die Museumsdirektoren und die Kunsthändler tun im Grunde nichts anderes, um ihre Künstler immer bekannter, immer berühmter zu machen. Mit dem Wert eines Kunstwerks hat sein Preis überhaupt nichts zu tun. Der Wert ist das, was Sie – Sie ganz persönlich – ihm selbst zumessen. Welche Bedeutung dieses Bild, diese Plastik für sie hat. 

42: Der Sommer 2021 hat seltsame Blüten getrieben. Die Millionen in Versteigerungen mittelmässiger Impressionen von Churchill. Die Ausschlachtung des NFT-Marktes

H. O. Ressler: Ja, die Irrationalität des Marktes ist ein eigenes Kapitel in meinem Buch. Man könnte ununterbrochen daran fortschreiben. Aber vielleicht ist das gar nicht nötig; vielleicht ist es sogar überflüssig. Wer sich dazu durchgerungen hat, seine eigenen Qualitätskriterien zum Leitfaden zu machen, braucht diesen marktschreierischen Unfug nicht. 

42: Andererseits wie kann man heute noch Künstler wie Mühl vertreten, die ein sonderbares soziales Erbe hinterlassen haben – Kommunen-Opfer – und seltsame Objekte wie  getrocknete Fäkalien des Meisters.

H. O. Ressler: Wer denkt bei der Saliera im KHM daran, dass Benvenuto Cellini ein mehrfacher Mörder war? Ich denke, man muss zwischen dem Maler Otto Mühl und dem Tyrannen unterscheiden. Ich ziehe die Grenzlinie dort, wo seine Opfer auf seinen Bildern erkennbar sind. Ich lehne auch seine Aschebilder ab, die er aus der Asche verbrannter Beweismittel gemalt hat. Aber ich gebe durchaus zu, dass das ein bisschen schizophren ist, jedenfalls nicht sehr konsequent. Aber wenn man so lange wie ich mit Künstlerinnen und Künstlern zu tun hatte, wird unübersehbar, dass es unter ihnen wunderbare Menschen und ganz schreckliche gibt, mit denen man nichts zu tun haben möchte. Die moralische Integrität des Künstlers ist – jedenfalls für mich – kein Kriterium seiner künstlerischen Qualität. 

42: Würden Sie ein NFT kaufen? Haben Sie es schon getan?

Nein. Und nein. Ich habe da überhaupt keinen Zugang. Ich stehe der ganzen digitalen Kunst mit einigem Misstrauen gegenüber; ich fühle mich sogar mit digitaler Fotografie nicht wohl. Wahrscheinlich ist das eine Alterserscheinung. 

42: Vielen Dank für diese Einblicke!

(j.)

Cover Dort endet unsere Kunst, Edition Splitter, Wien 2021 © Splitter